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Autor & Journalist: Thilo Guschas


Regeln für das Verbrennen.

Ein Koran darf vernichtet werden aber bitte islamisch korrekt, nicht von Frevlern oder Ungläubigen wie jetzt in Afghanistan. Die Zeit vom 1. März 2012. Von Thilo Guschas.

 

Quelle: www.asia.si.edu/collections/zoom/F1930.61.jpg

Seit dem Kalten Krieg ist die Apokalypse um einiges handlicher geworden. Musste man damals noch Raketenträger stationieren, um die Menschheit an den Abgrund eines Dritten Weltkriegs zu führen, reichen uns Heutigen zwei schlichte Gegenstände: ein Koran und ein Streichholz. Doch wer Koranverbrennungen für eine weitere terrorbringende Innovation der Post-9/11-Ära hält, sitzt einem Irrglauben auf. Verbrannt wurde der Koran schon immer gern, zumeist von Muslimen, die ihn wohl schon Hunderttausende Male in Brand gesetzt haben, stets entlang islamischer Traditionen, welche seit Jahrhunderten präzise den Weg weisen, wie es denn am besten zu machen sei.

Den Präzedenzfall aller Koranverbrennungen lieferte Uthman, nach sunnitischer Auffassung der dritte der »rechtgeleiteten Kalifen«, der unmittelbaren Nachfolger Mohammeds. Mitte des 7. Jahrhunderts ließ Uthman alle Abschriften des heiligen Buchs, die damals im Umlauf waren, zusammentragen. Da der Koran mündlich weiterzugeben war, handelte es sich bei diesen Manuskripten bloß um Sicherheitskopien, die jedoch begannen, ein kritisches Eigenleben zu entfalten: Eine wachsende Zahl an Textvarianten ließ Uthman fürchten, dies könne die Gemeinde spalten. Unterstützt vom Sekretär des Propheten, Zaid ibn Thabit, erstellte der Kalif den sogenannten uthmanischen Text, die bis heute kanonische Koranfassung.

Die übrigen Textvarianten gingen in Flammen auf. Heute hat Uthman nicht etwa den Status eines Ketzers. Uthman wird verehrt. Was er tat, war kein Frevel, sondern gottgefällig; die Koranverbrennung also als urislamisches Werkzeug, das zu höheren Weihen führen kann. Auf Uthmans Feuer-Entsorgung verweisen heute noch einschlägige Cyber-Fatwas, das sind Rechtsgutachten islamischer Gelehrter, die den Gläubigen online Ratschläge erteilen, wie sie ihren Alltag islamkonform bewältigen können. »Bei einem Koranexem plar sind Seiten abgewetzt und zerrissen. Wir wollen ihn verbrennen. Wie lautet Ihre Einschätzung dazu?«, so die Frage eines frommen Users auf der Seite dr-mashhour.com. »Gegen die Verbrennung versehentlich beschädigter Koranseiten spricht grundsätzlich nichts«, beginnt der Mufti seine Stellungnahme, die auch auf Uthman verweist. Ist ein Koran zerfleddert oder zerrissen, sei die Flammenentsorgung, wenn sie denn richtig angegangen werde, eine gute Lösung. Eine probate Alternative wäre ansonsten der Aktenvernichter. Zwar sehen nicht alle Gelehrten Feuer als die Ideallösung an, einige betrachten fachkundiges Begraben (wobei der Koran in ein Tuch gewickelt sein soll) oder das Versenken in fließendem Gewässer (mit einem Stein beschwert) als das Mittel der Wahl. Doch Feuer ist immer eine Option.

Ähnlich verhält es sich mit dem versehentlichen Ansengen eines Korans, wie es in Afghanistan geschehen sein soll. Amerikanischen Soldaten soll bei der Verbrennung mehrerer Gegenstände auch ein Koran ins Feuer geraten sein, was von einem anwesenden Afghanen erst bemerkt wurde, als das heilige Buch schon Feuerspuren aufwies. Ein klassischer Unfallbrand eines Korans also, zu dem ebenfalls eine einschlägige Fatwa vorliegt, verfasst von Ibn Baz, dem langjährigen Großmufti Saudi-Arabiens, der bei Salafiten und Wahhabiten sehr angesehen ist. »Das ist nicht schlimm«, eröffnet der erzkonservative Ibn Baz sein Rechtsgutachten, »sichergestellt werden muss, dass nach der Verbrennung nichts von den Seiten übrig bleibt und keine Buchstaben mehr lesbar sind.« Denn ausschließen will man Irritationen, die durch umherflatternde Wortfetzen Allahs ausgelöst würden, ebenso wie bewusstes Schindludertreiben oder Provokation.

Aus islamischer Sicht kann den Amerikanern daher nicht vorgeworfen werden, dass sie einen Koran versehentlich entzündet haben. Ihr Fehler war vielmehr, die Verbrennung nicht zu Ende gebracht zu haben. Was im Geiste von Ibn Baz in Afghanistan nun getan werden müsste, ist, die angeschmurgelten Koranreste in Asche zu verwandeln und diese an einem reinen Ort, abseits von Publikumsverkehr, zu vergraben. Ein Feuerunfall ist aus Gelehrtensicht kein Aufreger, eine bewusste Entzündung wäre es umso mehr. Ein Muslim, der sie begeht, gilt als Apostat, Abtrünniger.

Doch eine bewusste Verbrennung haben die Amerikaner ja nicht begangen. Beinah hätten sie sogar das politische Desaster vermeiden können wären nur die Kommunikationsflüsse im US-Militär weniger blockiert. Schon vor Jahren wurde in Fort Jackson, South Carolina, für die Soldaten eine Art Fähnlein- Fieselschweif-Fibel entwickelt: Umgang und Entsorgung von heiligen Texten, spirituellen Schriften und religiöser Gegenstände. Das Buch enthält auf sechs Seiten eine religionswissenschaftliche Quintessenz des richtigen Umgangs mit den Weltreligionen: Die Schriften der Juden sind zu begraben, die der Hindus sind zu begraben, zu verbrennen oder im Wasser zu versenken, während die römisch-katholische Kirche (wie im Islam) ihre heiligen Texte erst verbrannt haben will und dann vergraben.

Was die Handreichung leider nicht nennt, ist ein Tipp an Hillary Clinton, wie sie aus dem afghanischen Schlamassel wieder hinausfinden soll. »Ich fürchte, die Entschuldigung der Amerikaner ist alles, was sie jetzt tun konnten«, meint Jens Kutscher, Islamwissenschaftler an der Uni Erlangen, ein Spezialist für Cyber-Fatwas. Dass die Soldaten islamrechtlich nichts Verwerfliches angestellt haben, entschärfe die Lage keinesfalls; dass Amerikaner nun zu ihrer Rechtfertigung Fatwas anführen, die ihre Unschuld belegen, sei jedenfalls nicht zu empfehlen. »Damit würden ja ausgerechnet sie sich zum Hüter des Korans aufschwingen!« Im Grunde sei die Wut der Afghanen auch keine Re aktion auf eine antiislamische Handlung der Amerikaner. Deren Untaten seien in dem besetzten Land eben unvergessen die zur Pyramide aufgeschichteten Menschenleiber aus Abu Ghraib; oder die afghanischen Leichname, auf die US-Soldaten jüngst pinkelten. Die Amerikaner als Unmenschen und Besetzer, dieses Bild ließe sich auch durch islamkonformes Verhalten der Soldaten nicht wegwischen.

Denkbar wäre noch der Ausweg der Kommunikationsguerilla. Theoretisch könnten die Amerikaner über Mittelsmänner afghanische Gelehrte anstiften, dem Volk zu erklären, dass überhaupt keine Koranschändung stattgefunden habe. Das wäre aber ein Spiel mit dem Feuer. Es brauchte nur einen Whistleblower, der eine solche PR-Aktion der Amerikaner an die Öffentlichkeit brächte, und ein noch größerer Flächenbrand wäre perfekt.

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