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Autor & Journalist: Thilo Guschas


Liberaler Islamismus?
Junge Muslimbrüder und ihre Visionen für Ägypten nach der Revolution.

"Religionen"/Deutschlandradio Kultur, 19. März 2011. Von Thilo Guschas.

 

 Screenshot: ikhwanonline.com

Im Westen lösen die ägyptischen Muslimbrüder Unbehagen aus. Vielfach besteht die Sorge, dass die religiöse Organisation für ein fundamentalisches Islam-Verständnis steht. Besonders jetzt, nach der friedlichen und säkular geprägten Revolution, gibt es bei uns Ängste, die Muslimbrüder könnten in Ägypten einen Gottesstaat anstreben, eine Regierung, die von theologischen Maßstäben geleitet wird. Thilo Guschas hat mit jungen Anhängern der Muslimbruderschaft gesprochen, die an der Revolution beteiligt waren und nun ihre eigenen politischen Vorstellungen formulieren.


Yusuf al-Qaradawi: "Die Jugend soll ihren Kampfesmut behalten! Die Revolution ist noch nicht vorüber. Wir müssen unseren Beitrag leisten, wenn ein neues Ägypten aufgebaut wird. Ägypten hat viel von der Revolution gelernt."

Worte, die im Ägypten nach der Revolution eigentlich unverfänglich klingen sollten. Doch sie stammen von Yusuf al-Qaradawi, einem spirituellen Führer der Muslimbruderschaft und sehr populären Fernsehprediger. In den 60er-Jahren ist Qaradawi aus Ägypten nach Katar emigriert, denn unter Mubarak wurden die Muslimbrüder als Staatsfeinde verfolgt.

Nun, mehr als 30 Jahre später, spricht Qaradawi auf dem Tahrir-Platz, dem Symbol der Revolution. Er wendet sich an die ägyptische Jugend - eine Jugend, deren Proteste säkular geprägt waren, nicht religiös.

Yusuf al-Qaradawi: "Eine Botschaft an unsere Brüder in Palästina. Ich hoffe, dass Allah, der uns erfreut hat mit dem Sieg in Ägypten, uns auch mit der Eroberung der Aqsa-Moschee in Jerusalem beglücken wird."

"Amen", rufen die Massen, und wecken für westliche Ohren unheilvolle Assoziationen, etwa an die islamische Revolution im Iran 1979. Doch die Muslimbruderschaft lässt sich nicht eindeutig als fundamentalistisch abstempeln. Gegründet wurden sie in Ägypten in den späten 20er-Jahren, als Gegenentwurf zu einem Säkularismus, der materielle Gewinne in den Vordergrund rückt. Eine Erneuerungsbewegung mit islamischen Werten.

Tatsächlich war es lange Zeit der Traum dieser Bewegung, eine Theokratie zu errichten, einen islamisch geführten Gottestaat. Heute vermuten westliche Beobachter jedoch, sie sei längst eine gemäßigte Kraft geworden. Heba Naiem hat da so ihre Zweifel. Sie ist Anfang 30, arbeitet als Unternehmensberaterin und hat in der Revolution mitgekämpft. Sie tritt ein für ein säkulares Ägypten. Wie man dies erreichen könnte, diskutiert sie mit 30 Aktivisten, die sich während der Revolution zu einer Gruppe zusammengetan haben.

Heba Naiem: "Die Muslimbrüder sind klüger als andere Gruppierungen. Weil sie genug Geld aus Saudi-Arabien bekommen, haben sie nur kleine Differenzen untereinander; sie stehen geschlossen da, das können sie gut nach 30 Jahren Unterdrückung. In der Öffentlichkeit geben sie sich sanft, um die Massen leichter zu gewinnen, aber im Kern sind sie Radikale. Die Partei, die sie gerade in Ägypten neu gründen, wird 'Frieden und Gerechtigkeit' heißen - 'Islam' kommt da nicht vor. Sie passen sich an, ihre Namen, ihre Kleidung, Redeweise,, wie sie auf Leute zugehen. Ich will jetzt nicht alles schwarzmalen, aber sie werden ordentlich gewinnen."

Bis zu einem Drittel der Stimmen könnten die Muslimbrüder bei freien Wahlen erhalten, heißt es. Einen Vorgeschmack, wie sie politisch auftreten könnten, gab es bereits 2005. Damals fanden, auf Druck Amerikas, halbfreie Wahlen in Ägypten statt. Die Muslimbrüder durften nur als "Unabhängige" kandidieren, aber errangen 88 von 444 Plätzen im Parlament. Im Licht dieser Öffentlichkeit wurde ihre Pluralität sichtbar. Bei Themen wie "Religionsfreiheit" oder dem Umgang mit muslimischen Frauen ohne Kopftuch konnten sie sich auf keine gemeinsame Linie einigen.

Immerhin handelt es sich um eine Massenbewegung. Die Zahl ihrer aktiven Anhänger wird auf eine Million geschätzt. Einer von ihnen ist Ahmed Sheikh. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern von Hebas Gruppe. Dass Ahmed ein Muslimbruder ist, war Heba zunächst nicht bewusst: seine Ansichten über Demokratie und Menschenrechte deckten sich mit denen der Gruppe.

Ahmed Sheikh: "Es gibt eine Spaltung innerhalb der Muslimbruderschaft, eine Reformbewegung. Einige Gedanken werden total auf den Kopf gestellt. Eine Erneuerung findet statt. Wir verstehen den Islam als etwas umfassendes. Deshalb gibt es für uns auch keine islamische Tracht. Ein Koranvers besagt: 'schmückt euch vor jeder Moschee'. Ob man sich normal kleidet oder die traditionelle Galabia trägt, das sehen wir gleichermaßen als islamische Tracht. Das gilt auch für den Hijab.

Wir sind nicht dagegen, dass eine unverschleierte Frau mit uns zusammen sitzt. All das haben wir während der Revolution entdeckt. Wir haben herausgefunden, dass eine unverschleierte junge Frau national gesinnter und viel religiöser ist als eine, die es nicht wagt, auf die Straße zu gehen."

Ahmed Sheikh, mit seinen immerhin 37 Jahren, zählt sich zur Jugend innerhalb der Muslimbruderschaft. Es klingt fast nach "Jungen Wilden". Zu ihnen gehört auch Mohamed El-Kasas, ebenfalls Muslimbruder und Ende 20. Auf die Frage, wie seine Organisation es denn mit der Toleranz halte, reagiert er leicht genervt.

Mohamed El-Kasas: "Weißt du, welche politische Rolle ich in der Revolution spiele? Ich vertrete die jungen Muslimbrüder in der Koalition der Revolutionsjugend. Sie besteht aus Sozialisten, Liberalen, Laizisten, Christen, aus dem ganzen Spektrum der Gesellschaft. Ich bin seit dem ersten Tag dabei, schon vor dem 25. Januar. Wir arbeiten zusammen. Ägypten ist nicht Pakistan und nicht Iran, denn alle ausländischen Journalisten stellen diese Fragen.

Ägypten ist nicht die Hamas. Man spricht viel von der Abkehr vom Islam und der Bestrafung von Apostaten. Aber es gibt viele Interpretationen, wonach ein Abfall vom Islam nicht bestraft wird. Man kann dieser Deutung folgen, solange sie das friedliche Zusammenleben der Gesellschaft nicht bedroht. Ich persönlich bin für Religionsfreiheit. Ich bin dafür, dass jeder seine eigene Religion hat."

Über dem Tahrir-Platz in Kairo liegt ein Gründungsmythos. Er hat alle zusammengeführt, Säkulare und Religiöse. Bis heute herrscht dort Volksfeststimmung. Auch Muhammad Gouda sagt, mit diesem Platz verbinde sich ein "demokratischer Aufbruch". Muhammad ist 29 und seit bald zehn Jahren bei den Muslimbrüdern. Doch als er schildert, wie er an den Kämpfen teilgenommen hat, klingt es kaum nach Revolutionsromantik.

Muhammad Gouda: "Ich heiße Muhammad Mahmoud Gouda. Ich bin Informatiker, Muslimbruder, Ägypter. Ich entwickle Software für Batteriesysteme, für Konzerne wie Toyota. Die Revolution vom 25. Januar haben wir weder geplant noch organisiert. Aber wir waren dabei. Unsere Anführer gaben uns Anweisungen, teilzunehmen, ohne unsere Sprüche und Logos zu verwenden. Wir sollten bei den Menschen sein und sie unterstützen - wir gehören dazu."

Muhammad spricht offen von "Anweisungen". Die Unauffälligkeit der Muslimbrüder bei den Protesten scheint also inszeniert und wohlkalkuliert gewesen zu sein. Ein guter Grund, den Muslimbrüdern böse Absichten zu unterstellen? Oder wirkt hier schon wieder die Paranoia, mit deren Hilfe Mubarak die Muslimbrüder verteufelte, um seine eigene Gewaltherrschaft zu rechtfertigen? Muhammad, der Informatiker, bekennt jedenfalls Farbe bei seinen politischen Ansichten.

Muhammad Gouda: "Unsere Wirtschaft soll islamischen Maßstäben entsprechen. Das gleiche gilt für das Fernsehen und Medien überhaupt. Wir sind nicht grundsätzlich gegen Medien und gegen Kunst. Aber man braucht Regeln. Im Augenblick gibt es da sehr üble Einstellungen. Ich bin jetzt kein Künstler ... aber ich finde, es gibt zum Beispiel anstößige Szenen in Liebesfilmen. Die Filme wollen wir nicht abschaffen, aber die Szenen anders darstellen."

Zwischen den Fingern hält Muhammad einen Plastikkugelschreiber, auf den eine bunte Buchstabenkette gedruckt ist: "Google". Auf eigentümliche Weise versucht Muhammad, westliche Liberalität mit islamischen Werten zusammenzubringen.

"Anstößige Filmszenen zu zensieren, ist in unseren Augen nur der Idealfall. In den nächsten Jahren wird das erstmal niemand umsetzen. Da werden wir eng mit der Bevölkerung zusammenarbeiten. Wir werden versuchen, unsere Ansichten gemäßigt darzulegen, ohne aufdringlich zu werden.

Wir setzen unsere Hoffnungen daran, dass Menschen an unsere Grundsätzen glauben und dass am Ende eine Mehrheit dahinter steht. Sollte uns das nicht gelingen, können wir sie auch niemanden aufzwingen. In diesem Fall könnten wir dieses Land nicht regieren und kein Vorbild sein."

Auch wenn dies letztlich das Bemühen ist, Demokratie und islamisch-konservative Standpunkte zusammenzuführen, haben diese Wort doch einen bedrohlichen Klang. Keiner der drei jungen Muslimbrüder, mit ihren unterschiedlichen Standpunkten, gehört zur Führung der Organisation. Welche Richtung sich dort politisch durchsetzen wird, bleibt offen. Heba Naiem, die liberale Aktivistin, geht vom schlimmsten Fall aus. Für sie sind die Muslimbrüder bloß Wölfe im Schafsfell. An deren langfristigen Sieg sie aber nicht glauben will.

Heba Naiem: "Bei den Wahlen werden sie ein sehr großes Tortenstück abkriegen. Und sie werden immer dasein. Ich glaube an Demokratie. Wenn die Bevölkerung sie wirklich will - na dann, Glückwunsch. Dann sollten wir uns ihrem religiösen Regime voll hingeben. Nach vielen Verlusten werden wir aber wissen, dass sie nicht die richtigen Leute für das ägyptische Volk sind."

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