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Autor & Journalist: Thilo Guschas


Tabubruch ist Programm

Lustig ist da alles nicht, was sich in den Ländern abspielt, die wir pauschal unter das Label "Arabischer Frühling" fassen. In Ägypten ist das alte Regime zwar weg, aber doch immer noch da. In Saudi-Arabien war nie Frühling und in Syrien ist alles schlimmer als je zuvor. Jeden Tag kommt dieselbe Meldung, nämlich "Situation eskaliert". An Witze ist da nicht zu denken. Und doch gibt es in der arabischen Welt eine ganz neue Lust und Freude daran, Witze zu reißen, auch über die deprimierendsten Diktatoren und Diktaturen. Thilo Guschas hat für den Zündfunk einiges zusammengetragen über den neuen arabischen Galgenhumor und die doch eigene arabische Pointe.

Zündfunk/Bayern2 am 11. Juni 2012. Von Thilo Guschas.

 

Mitschnitt "Ala attayer"

Wir sind in Saudi-Arabien, und schauen "Ala attayer", eine Underground-Satire aus Saudi-Arabien über Saudi-Arabien, wo die Bürokratie fröhliche Urstände feiert.

"Der Experte für Ruhe, Hadi Abdulhalim, gratuliert bezüglich des Festes dem Herren Ahmad Elschakiri, weil er die Städte Dschidda und Riad in Verlegenheit gebracht hat."

"Ja, die Verlangsamung des Fortschrittes wird neun Jahre dauern und kostet 20 Millionen Dollar."

So klingt eine Pointe auf saudi-arabisch. Ein "Experte für Ruhe", der Glückwünsche erteilt, weil da einer Millionen-Investionen vergeigt hat. Die Internetsendung "Ala attayer", zu deutsch "Schnell gemacht", verbindet abseitigen Monty-Python-Humor mit großen politischem Mut. Denn in Saudi-Arabien wird jede Opposition unterdrückt. Da gehört schon einiges dazu, die steifen staatlichen Nachrichten nachzuäffen oder über korrupte Beamte zu witzeln. Hier treibt der arabische Frühling humorige Blüten. Comedy als zivile Aufmüpfigkeit, ein Phänomen, das es derzeit in ganz unterschiedlichen Teilen der arabischen Welt gibt.

Da ist zum Beispiel der 31-jährige Haisam Abu Samra aus Kairo. Haisam trägt kurze schwarze Haare, eine große schwarz geränderte Brille und er ist Gagschreiber.

"Früher habe ich für Zeitschriften geschrieben, gerne mit lustigem Unterton und ich habe Filmskripts verfasst, sie herumgezeigt, so kam ich dann zu diesem Job."

Jingle "El Barnameg"

Haisam kommt genau zur richtigen Zeit. Das post-revolutionäre Ägypten hat einen großen Hunger nach Parodie und Satire. Ein großer Quotenhit ist "El Barnameg", zu deutsch "Die Sendung". Ein Fernsehformat, das aktuelle Gesellschaftsthemen mit schwarzem Humor begleitet, zum Beispiel die Kontroverse um den ägyptischen Schauspieler Talaat Zakariya. Als voriges Jahr die Revolution begann, hatte Talaat Zakariya geäußert, auf dem Tahrir-Platz träfen sich nicht Demonstranten, sondern Drogenabhängige und Turteltäubchen auf der Suche nach anonymen Sex. Solche abschätzigen Statements stellt "El Barnameg" aktuelle Äußerungen von Talaat Zakariya gegenüber.

Mitschnitt "El Barnameg" über Talaat Zakariya

Der nun meint, der Tahrir-Platz sei doch nicht so negativ. Der Moderator kommentiert dies mit den Worten: Wie man sieht, immer neue Aussagen! Vielleicht sehen wir bald Talaat Zakariya selbst mit einem Turteltäubchen flanieren. Bei aller Schärfe und Offenheit - alle Tabus sind in Ägypten keineswegs gefallen: an den Militärrat traue er sich nicht heran, räumt Bassem Youssef ein. Bassem ist der Anchorman der Sendung, scharfzüngig, charismatisch; ein arabischer Harald Schmidt. Doch ihre Inspirationen beziehen die Comedians nicht aus Europa.

"Ich bin von der amerikanischen Popkultur geradezu besessen. Sie ist der Filter, durch den ich auf die ägyptische Popkultur schaue und betrachte, welche Wechselwirkungen es zwischen den beiden gibt."

Solche Wechselwirkungen gibt es tatsächlich. Es gibt eine Gruppe US-arabischer Comedians, die eine erfolgreiche eigene Szene aufgebaut haben. Amerika, das Mutterland der Comedy, wird von Araber neu aufgerollt. Ihr Thema sind die arabischen Wurzeln im amerikanischen Alltag, besonders makabere Töne trifft die Künstlerin Maysoon Zayid.

"Ich habe da diesen Flüchtling nach Amerika gebracht. Und dann wusste ich nicht, was ich überhaupt mit dem tun soll. Da fiel mir auf: der Flüchtling muss ja drei Mal am Tag was essen. Und immer, wenn meine Mama von der Arbeit kommt, ruft sie mich an: Und, schon den Flüchtling gefüttert? Du wolltest ihn haben, nun musst du ihn auch füttern!"

Die amerikanische Stand-up-Künstlerin Maysoon Zayid rühmt sich damit, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Ihr Kollege Dean Obeidallah, wie sie ein Star der Szene, ist da vorsichtiger - oder vielleicht auch ehrlicher. Witze über den Propheten Muhammad, sagt Obeidallah, würde er niemals machen - auch nicht in Amerika. Offensichtlich gehen nicht alle Tabus auf die Rechnung der Despoten.

Einen ungewöhnlichen, schwarzen Humor entwickelt die syrische Youtube-Serie "Top Goon - aus dem Tagebuch eines kleinen Diktators". Sie persifliert Syriens Präsidenten Baschar Al-Assad.

Top Goon/ Baschar Al-Assad

"Ich werde nicht zurücktreten. Warum? Viele werden diese Frage stellen. Ich werde nicht zurücktreten. Denn ich habe entdeckt, dass es gefährliche Subjekte gibt - wie euch! Bei mir seid ihr in guten Händen - als Sklaven."

Dargestellt werden Baschar Al-Assad und seine Machtclique als Fingerpuppen. Syrische Künstler produzieren die Satire im Exil. Ihre Folgen haben Titel wie "Wer tötet eine Million", sarkastisch angelehnt an "Wer wird Millionär". Der Galgenhumor soll den Syrern Mut machen, sagt der Produzent Jamil: um zu zeigen, dass Denken und Lachen frei sind. Die Serie stößt auf große Resonanz - aber die nötigen Spenden bekommen die Produzenten trotzdem nicht zusammen - damit steht der schwarze syrische Humor kurz vor dem Aus. Aber selbst wenn das so käme: Die Welt ist hier Zeuge einer ganz neuen Bewegung. Man spürt ein erwachtes, arabisches Selbstbewusstsein. Mit Pointen, statt mit Waffen, wird auf die Mächtigen gezielt. Comedians schleifen Redeverbote, in so verschiedenen Ländern wir Ägypten, Syrien und Saudi-Arabien, und auch Amerika schüttelt mit bei diesem neuen Cocktail, in dem sich Engagiertheit und Spott vermischen, und der Tabubruch Programm ist.

Jingle Top Goon

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