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Autor & Journalist: Thilo Guschas

Ein Flirt mit der Fantasie

GEO Wissen Nr. 40, 15. Oktober 2007. Von Thilo Guschas.

 

 David Gillanders

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was bringt Menschen dazu, den Tausenden existierender Sprachen der Welt noch ganz neue hinzuzufügen? Oder sie gar zu lernen, obwohl kaum jemand sie spricht? Klingonisch etwa, Esperanto oder die Idiome aus J.R.R. Tolkiens "Der Herr der Ringe"?

Zainab Thorp, eine zierliche Frau Anfang 50, wartet in ihrem Zelt auf Besucher. Sie ist gekleidet wie für einen Kampf: mittelalterliches Lederkostüm, in der Hand eine massive Axt. Draußen brandet Beifall auf. Über 10 000 Besucher sind zum "Tolkien Weekend" nach Birmingham gekommen, jener Stadt, in welcher der Dichter seine Jugend verbracht hat. Auf dem Programm des einmal jährlich veranstalteten Wochenendes stehen Darbietungen rund um die Geschichten von Mittelerde: ein Verkleidungswettbewerb, Showkämpfe mit Schwertern, Laientheater. Ein Magnet für den Familienausflug.

Was ist so faszinierend an den Erzählungen von Mittelerde? "Tolkien hat eine komplette Welt erfunden, mit richtigen Landkarten und echten Sprachen!", schwärmt eine junge Hobbit-Frau, deren Füße mit Haaren beklebt sind. Zu den Attraktionen des Festes zählen Ethno-Rapper vom indischen Subkontinent: Ein Didgeridoo ertönt, die Musiker skandieren DHIRU! DHIRU KITA! TAKA!, der Sänger faucht Wortreihen ins Mikrofon - er rappt die Geschichte des "Herrn der Ringe" nach. Holt Tolkiens pathetisches Heldenepos ins 21. Jahrhundert. Begeistert feuert das Publikum die Musiker an. 

In Zainab Thorps Zelt hingegen herrscht noch immer Leere. Sie ist Expertin für Sindarin, eine der Kunstsprachen aus dem "Herrn der Ringe". Im Auftrag der Veranstalter soll sie einen Grammatikkurs über diese "elbische" Sprache anbieten. In ihren Augen mischen sich Bedrücktheit und Kampfesmut. Sie ahnt: Auf einem Familienfest Leute für Linguistik zu begeistern, ist so hoffnungslos, wie DEN RING durchs feindliche Mordor zu schleusen. Weshalb sie es dennoch versucht? "Man kann sich in das Hirn des Professors hineindenken. Und das macht einfach Spaß.

Mit "dem Professor" meint Mrs. Thorp John Ronald Reuel Tolkien, den weltberühmten Schöpfer von Mittelerde. Weniger bekannt ist, dass Tolkien Lehrer an der Universität von Oxford war, wo er bis 1959 Altenglisch und historische Sprachwissenschaft unterrichtet hat. Eine seiner wichtigsten Forschungsarbeiten beschreibt einen Dialekt des mittelalterlichen Englisch. Ein trockenes Spezialistenwissen, mit dem Tolkien wahrscheinlich nie über sein Fach hinaus bekannt geworden wäre. Das gelang ihm erst mit seinem Epos "Der Herr der Ringe", das er Mitte der 1950er Jahre in England veröffentlichte.

Für Tolkien aber war die Geschichte über Mittelerde, wie Millionen Fans sie heute kennen, kein Zweck an sich. Was ihn trieb, war linguistischer Eifer. Fantasiesprachen wie das Elbische hatte er entworfen, noch bevor die erste Zeile über Mittelerde geschrieben war. "Der Herr der Ringe" - ein Nebenprodukt von Tolkiens Sprachbegeisterung. Genauer gesagt: eine Folge seiner Zweifel, ein Publikum für ein Grammatikbuch über die Sprachen der Elben zu finden. Deshalb suchte Tolkien eine Kulisse. Sein genialer Coup: Er erfand Geschichten hinter den Geschichten. Über die Vergangenheit, von der die unbedarften, geschichtslosen "Hobbits" nie etwas geahnt haben.

Bis der Zauberer Gandalf kommt, ein pfeiferauchender Schriftgelehrter wie sein Alter ego Tolkien, und den kleinen Helden erklärt, dass ihre beschauliche Welt eingebunden ist in ein gewaltiges Drama um Macht und Vergänglichkeit. uch die Grammatik erzählt Geschichten hinter den Geschichten. Sie sendet Botschaften aus längst vergessenen Zeiten - und über die Vergänglichkeit der Sprachen.

Tolkien beherrschte so unterschiedliche Idiome wie Gotisch, Walisisch, Latein, Griechisch, Finnisch, Deutsch, Isländisch. Alle diese Sprachen - außer dem Finnischen - sind vergleichsweise eng miteinander verwandt und bilden die indogermanische oder indoeuropäische Sprachfamilie. Sie gehen allesamt auf ein und dieselbe Ursprache zurück, das Proto-Indogermanische. Wie genau die Ursprache ausgesehen hat, ist nicht belegt, Texte oder Inschriften gibt es nicht. Wie Naturwissenschaftler, die die Bahnen von Sternen bestimmen, "errechnen" Sprachwissenschaftler, wie sie ausgesehen haben muss. Ein unscheinbares Bindewort wie das deutsche "mit" geht wohl wie das griechische "meta" auf ein altes Hauptwort zurück, das "Mitte" bedeutet hat.

Die Geschichte eines Wortes ist wie eine Reise durch die Jahrhunderte, Kulturen und Sprachen. Auch Tolkien kannte diesen Kitzel. Auch er hat Etymologie betrieben, Wortgeschichten nachgezeichnet. Aber das war ihm nicht genug. Statt nur reale Sprachen zu entschlüsseln, schuf er mit dem Elbischen eine fiktive Sprachfamilie mit einer gemeinsamen Ursprache, die er das Ur-Elbische nannte. Damit konnte er Wortwurzeln ersinnen und Wörter daraus ableiten. Auch einen Lautwandel hat Tolkien erfunden, von "kw" nach "p". Die alte Wurzel kwet, "sagen", wird in Noldarin-Elbisch zu peth, "Wort". Noldarin ist zu dem Zeitpunkt, an dem der "Herr der Ringe" spielt, bereits ausgestorben.

Immer wieder schimmern im "Herrn der Ringe" hintergründige Sprachbetrachtungen durch. Die Ents, die sprechenden Baumwesen, reihen lange Wortketten aneinander, wie laurelindórenan lindelorendor malinornélion ornemalin. Wörtlich bedeutet dies: Gold-Ton-Land-Tal Ton- Traum-Land gelb-Baum Baum-gelb, und kann übersetzt werden als "Das Tal, wo die Bäume in einem goldenen Licht singen, ein Land von Musik und Bäumen, es ist ein baumgelbes Land". Dieser Bandwurm verkürzt sich in der Sprache der Elben zu Lothlórien, dem Elfenwald.

Linguisten wissen, dass auch natürliche Sprachen statt einfacher Begriffe zunächst lange beschreibende Ausdrücke wählen, die später zur Unkenntlichkeit schrumpfen. Unser Wort Messer etwa ist aus zwei Wurzeln zusammengesetzt und bedeutet wörtlich "Speiseschwert". Aus der ersten Wurzel, mat[i], "Speise", sind auch die Wörter Mettwurst, Mast und Mus entstanden. Der zweite Wortteil von Messer, der "Schwert" bedeutet, ist eng mit der Bezeichnung für das Volk der Sachsen verwandt. Sie wurden nach ihrer Waffe, dem sahs, benannt.

Zainab Thorp bemüht sich redlich, ihrem Sprachkurs Leben einzuhauchen. Zwei Zuhörer haben sich eingefunden, und ihnen versucht sie zu erklären, mit welchen Worten auf Sindarin geflirtet wird. Was nicht ganz einfach ist. "Niemand weiß, wie man das Verb lieben' grammatisch korrekt bildet. Tolkien hat nie einen Satz wie 'ich liebe dich' auf Sindarin geschrieben."

In Tolkiens kleinem Wörterbuch finden sich trotzdem Hinweise. Die Wurzel mel- zum Beispiel steht für Liebe". Tolkien notierte, welche Wörter aus dieser Wurzel hervorgehen. In der Sprache Quenya, dem sogenannten Elben-Latein sind es die Worte melme, "Liebe", und melindo, "Liebhaber", in der Sprache Noldarin ist es mellon, "Freund". Nal- ist die Wurzel im Verbum nalla, "rufen"; die Form "ich rufe dich" heißt gen nallon, und "ich rufe" lautet nallon. Wie bildet man also den Satz "Ich liebe dich"? Richtig: gen mellon - auch wenn diese Lösung bis heute umstritten ist.

Alle diese Herausforderungen musste auch David Salo bestehen, ein Linguist von der University of Wisconsin- Maddison: Für den Kinofilm "Herr der Ringe" hat er Dialoge ins Sindarin übertragen. Die Fangemeinde hat Salos Tun längst analysiert. Im Internet sind die Dialoge Wort für Wort aufgearbeitet und farblich gekennzeichnet: Grün geht konform mit "dem Professor", Blau steht für Neuschöpfungen, die jedoch theoretisch fundiert sind, und Rot für unbelegte Fantasiebildungen. Es gibt viele rot markierte Stellen. Carl Hostetter, ein NASA-Wissenschaftler, der als Kopf der konservativen Tolkien-Linguisten gilt, zürnte mit Salo und sprach von "Pseudo-Wissenschaft". Die beiden Experten trugen ihren Disput in einer erbitterten Internet- Fehde aus.

Aus derlei Konflikten hält sich Zainab Thorp, die Sindarin-Dozentin, heraus. Sie will keinen Zank, sondern Sprachgenuss. Sie übersetzt Gedichte aus dem Englischen ins Sindarin. Das bedeutet Plackerei, Nachschlagearbeit, notfalls auch Lautverschiebungen, um neue Vokabeln "herzustellen". Mrs. Thorp betreibt all das, um "dem Professor" näher zu sein. Aber auch aus "Spaß am Unnützen", wie sie es nennt - in ihrem Leben ein Leitmotiv. Vielleicht ist es eine stille Revolte. Nach dem Abitur wollte Zainab Thorp Ägyptologie studieren. "Du bist doch so gut im Englischen, warum wirst du nicht Englischlehrerin? Das ist ein richtiger Beruf!", sagte ihr Vater. "Muss denn alles nützlich sein?", protestierte sie. Und die eigenwillige Tochter belegte Ägyptologie - ohne Unterhalt von den Eltern zu bekommen.

Die Idiome zu beherrschen, gelingt nur wenigen - so sie es denn überhaupt wollen. Sie sind nichts für praktisch veranlagte Wesen wie Tolkiens Hobbits, die nur nach vordergründigem Nutzen schielen. Aber sie sind inzwischen ein Muss für kommerzielle Fantasy-Projekte. Die Produzenten der Science-Fiction- Fernsehserie "Star Trek" engagierten eigens einen Linguisten, um eine außerirdische Sprache zu entwickeln, jene der kriegerischen Klingonen. Ein Sahnehäubchen für die Fans, das die Fantasiewelt der Realität viel näher bringt, als es Kostüme könnten. "Vielleicht wird Klingonisch eine neue Weltsprache?", lautet eine hoffnungsvolle Frage, die im Internet unter Star-Trek-Anhängern kursiert; die Gemeinde benutzt eine eigene Fassung der Suchmaschine "Google" - in klingonischer Sprache. Doch tatsächlich ist die Sprachkompetenz wenigen Könnern vobehalten.

Der belgischstämmige Lieven Litaer ist so einer. Er gibt Klingonisch-Kurse in Saarbrücken, rappt als "Klenginem" auf Klingonisch und wurde engagiert, eine Internetseite der "Deutschen Welle" ins Klingonische zu übertragen. Aber eine Weltsprache, ein Alltagsmedium für Millionen von Menschen, sieht anders aus. Könnte Esperanto diese Rolle übernehmen? Begründet wurde die Kunstsprache durch den Russen Ludwik Zamenhof Ende des 19. Jahrhunderts, ursprünglich mit einer vergleichsweise einfachen Grammatik aus nur 16 Grundregeln. Das Projekt ist immer noch lebendig. Einige besonders überzeugte Anhänger bringen ihren Kindern sogar Esperanto als zweite Mutterprache bei.

>Schätzungen der Anzahl derjenigen, die Esperanto von Kindesbeinen an erlernten, schwanken zwischen 200 und 2000. Die Zahl derer, die diese Kunstsprache als Erwachsene erlernt haben, liegt bei zwei Millionen. Vergleichbare Projekte, etwa das Solresol oder das Volapük, haben weitaus geringere Sprecherzahlen.

Doch auch Esperanto ist der Durchbruch nicht gelungen. Vielleicht, weil es eine starke europäische Schlagseite hat. Die meisten Esperanto-Vokabeln sind durch hiesige Sprachen inspiriert oder aus ihnen übernommen - wie "dimanco" (vom französischen "dimanche", Sonntag), "sed" (lateinisch "aber") oder deutsche Wörter wie "nur" und "nun". Da verwundert es nicht, dass 60 Prozent der aktiven Sprecher, die Mitglied im "Esperanto- Weltbund" sind, aus Europa stammen. Auch Tolkiens Idiome gründen sich auf Sprachen, die er kannte, auf das Finnische, das Walisische. Die Schöpfer bauen eigene Sprachuniversen, aber dabei entkommen sie ihrer Herkunft nicht. Und statt Sprachen für alle zu schaffen, erfinden sie eine Heimat für einige wenige, die das Besondere suchen.

Oder die endlich Herrscher in ihrer Welt sein wollen. Zum Beispiel entwickeln viele Zwillingspaare eigene "Geheimsprachen", die nur sie verstehen und mit denen sie sich von der Außenwelt abschirmen können. Dasselbe gilt auch für die zahllosen Kinder, die untereinander mit selbst erfundenen komplizierten Verschlüsselungsregeln re-e-le-fe-den-enle-fen (reden).

Denn wer sagt, dass Sprachen dazu dienen, von allen verstanden zu werden? Zuweilen ist es befriedigender, in der eigenen Welt von niemandem gestört zu werden.

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