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Autor & Journalist: Thilo Guschas

Rap ja, Sex nein

Berliner Zeitung, 31. März/1. April  2007 (dort kürzer, hier nun die Longplay-Fassung!) Von Thilo Guschas.

 

 

 

 

 

 Foto: Thilo Guschas

Maria vom Hip-hop-Duo Tigresse Flow aus Casablanca.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Thilo Guschas

Erst vor vier Jahren schrieb Marokkos junger König Muhammad VI. das Familienrecht grundlegend um. Abgeschafft wurde die Pflicht der Frau, dem Mann zu gehorchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tigresse Flow ist das erste weibliche Hip-hop-Duo in Marokko.

Der Abend könnte eine Zitterpartie werden für Maria und Sofia. Die beiden haben sich maximal herausgeputzt. Sie tragen glänzende Hemden, auf die ein silberner Schriftzug gedruckt ist, die Haare offen, frisch gelegte Dauerwelle, bestäubt mit Parfüm, das nach Zuckerwatte riecht. Mit weit aufgerissenen Augen staunen sie, was für Massen von marokkanischen Jugendlichen vor der Spor th alle zusammenströmen. An die drei-, vierhundert sind es schon jetzt, die meisten von ihnen Jungs, mit pickeligen Gesichtern und drahtigen Schnurrbärten. Nicht alle tragen die obligatorischen tief hängenden Jeans, mit denen sich auch in Marokko die Rapfans outen. Möglicherweise sind Islamisten unter ihnen. Oder, vielleicht noch schlimmer, Angehörige von Maria oder Sofia.

Die beiden sind das Rap-Duo "Tigresse Flow", heute geben sie ihren ersten Auftritt. Ihre bloße Existenz ist für Marokko schon eine mittlere Sensation. Eigentlich tun sie nichts weiter, als sich in den Hip-hop-Boom einzuklinken, der in Marokko derzeit floriert. Längst ist Rap auch hier eine Art elektronischer Straßensport für jedermann geworden. Wer einsteigen will, braucht nur drei Dinge: einen PC mit Mikro, heruntergewürgten Frust auf König und Staat, und heiße, unbestimmte Träume von einem Leben im Westen. Und so machen marokkanische Youngsters, was auch Jugendliche in Indien, Südafrika oder Nigeria tun, sie schrammeln hausgemachten Hip-hop zusammen, nach dem Vorbild von US-Musikclips, die sie aus dem Satellitenfernsehen und dem Internet auswendig kennen, träumen vom Popstar-Sein, einem Leben im Westen. Doch bei aller Globalisierungsgleichheit, der Hip-hop made in Marokko hat eine Länderbesonderheit, eine pikante orientalische Note: Frauen sind als Akteure unerwünscht.

Maria, mit Künstlernamen "MC Flow", schnaubt ins Mikro. Sofia, die sich "Destrata" nennt, kreischt den Bandnamen: Tigresse Flow! und setzt mit rauchiger Stimme einen Rapschwall frei, in "Hier sind wir"-Attitüde, die beim Rap nunmal dazugehört: Wir sind scharf wie Tequila... Computerdrums und Bass dreschen wild drauf los. So klingt ihr erster Song auf CD, vor kurzem erst eingespielt, bislang noch ohne Titel. Da lässt jemand viel, viel Ärger raus. Die Tigerin ist aufgebracht, die Wut gerade noch in Rhy th mus gebändigt. Die nächste Einspielung, die die beiden planen, nennt das Kind beim Namen: Les droits d'une dame marocaine lautet der Songtitel. Das Lied schreit propagandistisch-hoffnungsfroh heraus, was sich alles unter dem jungen König Muhammad VI. tut. Über den Rundumschlag der feministischen Gesetzesänderungen, die es vor einigen Jahren gab, über die Hoffnung, dass Frauen nun endlich in Männerdomänen hinein dürfen.

Die Masse der Wartenden schwillt weiter an. Eine halbe Stunde noch bis zum Konzertbeginn. Fünf Rap-Acts sollen heute auftreten, Veranstaltungsort ist der Complexe Hassan II, ein staatliches Freizeitcenter, eine dreiviertel Autostunde vom Stadtzentrum Casablanca. Aus einer der Hallen dringen aufgekratzte Hurra-Schreie der lokalen Karategruppe, die ihren monatlichen Showkampf veranstaltet. Kinder aus dem angrenzenden Viertel rasen mit dem Fahrrad zwischen den Wartenden herum, klingeln, schreien. Das Kennzeichen marokkanischer Hip-hop-Konzerte sind die unvermuteten Orte an denen sie steigen: es können Spor th allen sein oder Kinos. Hip-hop, wie alle andere Jugendkultur, hat hier nur gratis eine Chance. Rap in teuren Konzer th allen? Undenkbar. Interesse, sogar brennendes, ist aber da. Jeder dritte Marokkaner ist jünger als 15. Eine demographische Schlagseite der anderen Art, aus deutscher Sicht irrwitzig. Es gibt keine Jobs, vor allem nicht für junge Menschen. Offiziell beträgt die Arbeitslosenquote 11,6 Prozent. Ob diese Angabe so stimmt, darf bezweifelt werden. Anders ist die Protestaktion kaum zu erklären, die 20 Mitglieder der Gruppe "Unabhängige Nationale Arbeitslose" vor gut einem Jahr in der Hauptstadt Rabat unternommen haben. Sie tränkten ihre Kleidung mit Petroleum und versuchten, sich selbst zu verbrennen.

Ein Interview? Ein nicht-öffentlicher Ort wäre uns ganz lieb, sagt Maria am Telefon, eine Woche vor dem Konzert. Wir einigen uns auf den Besprechungsraum des "Hotel Suisse" in Casablanca, in Ayn Diab, dem Viertel der Bars und Diskos, der zaghaft-verruchten Lokale, die den Anschein europäischer Realität vermitteln. Dann erscheint eine merkwürdige Prozession: Ein junger Mann kommt als Vorhut ins Hotelfoyer, die beiden Rapperinnen warten draußen. Gibt es Ärger? Ein Verwandter der beiden, der ältere Bruder? Er steuert auf mich zu, und auf sein Zeichen kommen die beiden hinterher. "Ich bin Redal, der Manager von Tigresse", stellt er sich vor. Hinter ihm bauen sich vorsichtig Maria und Sofia auf – die wütende Tigerin – , strecken ihre Hände zum Gruß aus, ihre Augen funkeln schüchtern.

Maria, die Ältere der beiden, ist die Wortführerin. Sie hat ein hübsches, herzförmiges Gesicht und hört zu, erns th aft, mit gerunzelter Stirn. Warum machen die beiden Rap? Natürlich ist es der Traum vom Berühmtwerden, aber in erster Linie bekämpfen sie den "Rassismus der marokkanischen MCs", die die Frauen nicht ernst nehmen. Auf ihrem Weblog löscht Maria regelmäßig die frauenfeindlichen Kommentare, die wie Unkraut sofort wieder nachwachsen. Die Idee, einen Rapsong über die Rechte der marokkanischen Frau zu machen, stammt von Maria. Es ist gewissermaßen eine Singleauskopplung der Jura-Abschlussarbeit, an der sie gerade schreibt: wie sich die marokkanischen Frauenrechte entwickelt haben in den letzten 50 Jahren.

Die mit Abstand einschneidendste Änderung geschah vor rund vier Jahren, als Marokkos König Muhammad VI. die Moudawwana grundliegend umschrieb, das Familienrecht. Wer die Änderungen auflistet, erschrickt, was bis zu diesem Zeitpunkt geltendes Recht gewesen war – in Marokko, dem vielleicht westlichsten Land der arabischen Welt. Abgeschafft wurde die Pflicht der Frau, dem Mann zu gehorchen. Daneben wurde die Polygamie stark erschwert. Durch den Gesetzesumbau erhielten Frauen erstmals das Recht, selbst eine Scheidung einzureichen, sowie die Möglichkeit, im Falle einer Trennung das Erziehungsrecht für die Kinder zu bekommen. Das Mindestalter für die Hochzeit wurde von 15 auf 18 gesetzt. Eine ausgesprochen lange, sehr grundlegende Liste von Änderungen, die nach beherztem Aufbruch klingt. Muhammad VI. war Mitte 30, als er den 1999 Thron bestieg, ein flammender Liberalisierer und Modernisierer. Er hat promoviert über die Beziehungen zwischen Marokko und der EU, seine Frau ist Informatikerin.

Soweit die Änderungen am Reißbrett – in der Realität gibt es Crashs, schmerzliche Zusammenstöße zwischen westlichen Träumen und orientalischer Wirklichkeit. Maria will promovieren, um Richterin zu werden. "Damit wäre ich die zweite in Marokko", sagt sie. Sie benutzt die gleichen Worte, mit denen sie über ihre Rapband spricht, "ich will ein Zeichen setzen!" Fast, als wäre der symbolische Kampf das eigentlich Wichtige, und das ehrgeizige Berufsziel nur Nebensache. Im Augenblick ringt sie mit der ersten, nicht unbedeutenden Hürde. Ihre Eltern hat sie bislang nicht in ihre Karrierepläne eingeweiht.

Maria ist 23 und lebt, wie es in der arabischen Welt üblich ist, noch solange zuhause, bis sie heiratet. Zunächst, hat sie sich vorgenommen, will sie ihren Eltern erstmal beichten, dass sie Rapmusik macht. Das weiß bislang niemand aus ihrer Familie, nicht einmal ihre beiden Brüder. Maria hat Angst, dass die sie verpfeifen könnten – die Treue zu den Eltern hat in Marokko ein hohes Gewicht.

Marias und Sofias Eltern sind gut situiert, und man könnte phantasieren, daher auch liberal und aufgeklärt. Marias Vater leitet eine Logistikfirma, ihre Mutter ist Informatikerin. Auch Sofias Vater hat eine gehobene Stellung, in einer Firma für Sicherheitstransporte, ihre Mutter ist Apo th ekerin. Marias eigentlicher, arabischer Name ist Hind, aber so nennt sie keiner, nicht einmal die Eltern. Auch die rufen sie europäisch, Maria. Die europäische Kultur ist positiv besetzt, aber das heißt nicht, dass man europäische Sitten automatisch übernimmt. Auch Sofia verheimlicht vor ihren Eltern, dass sie Raptexte schreibt und singt. Vielleicht, meint Maria, legt sie eines Tages einfach ein fertiges Tigresse-Album zuhause auf den Tisch, und schaut, wie die Eltern reagieren. Es ist ein sehr eventuelles Vielleicht. Bislang gibt es ja nur den einen Song. "Das fertige Album" ist ein Mammutprojekt, das Monate oder auch Jahre dauern kann, bis es Wirklichkeit geworden ist.

Als wir uns zum Interview treffen, ist gerade die neue TelQuel erschienen, Marokkos liberale Oppositionszeitung. Maria und Sofia haben die Ausgabe bereits gelesen, "natürlich!" Heftaufmacher ist "ein neues Phänomen, das täglich an Bedeutung gewinnt: SINGLES." Es geht um Selbstbestimmung, unehelichen Sex, das Abwägen zwischen Familie und Karriere – und damit auch um ein selbstbewusstes, selbstbestimmtes Frauenbild, für das Tigresse Flow eintreten.

TelQuel knöpft sich regelmäßig mit heißhungrig-aufklärerischem Geist Themen vor, über die in Marokko Schweigepflicht herrscht. Vor wenigen Wochen druckte die Zeitschrift ein Interview mit dem marokkanischen Schriftsteller Abdellah Taϊa, über dessen Coming out. Er ist der erste bekennende schwule Autor des Landes. Ein starkes No-go-Thema. Die drei großen Bereiche, zu denen in Marokko keine Kritik geduldet wird, sind das Königshaus, die Religion und das Vaterland. Wie streng diese Tabus sind, testete vor kurzem Nichane, ein Magazin aus dem gleichen Verlag wie TelQuel, und brachte eine Titelgeschichte über religiöse Witze. Eine Kostprobe: "Als der Islamist feststellte, dass er schwul ist, legte er sofort einen Schleier an." Was anmutet wie ein doch eher mäßiger Kalauer von Klaus & Klaus, hat in Marokko höchste Brisanz. Zwei Nichane-Journalisten wurden verklagt. Vergeblich beriefen sie sich auf die Pressefreiheit, die offiziell in Marokko herrscht. Für "Schädigung des Islams" erhielten sie drei Jahre Bewährungsstrafe, zwei Monate Berufsverbot und umgerechnet 7000 Euro Geldbuße.

Derart brenzlig ist das Tabu th ema Singlesein zwar nicht – aber es trifft auf andere Weise ins Mark. Die zunehmende Zahl von Singles stellt die marokkanische Gesellschaft in Frage. Immerhin reicht in einigen arabischen Ländern schon der Verdacht, dass eine Frau ein uneheliches Kind erwartet, um einen "Ehrenmord" auszulösen. Bislang fand das marokkanische Leben in einem Nest aus Großfamilie und Nachbarschaft statt, das, je nach Perspektive, herzlich-warm ist, oder aber erstickend eng.

Doch nun zeichnet sich ein Änderungsschub ab. Die Regierung hat sich nicht weniger vorgenommen, als das gesamte Land umzusatteln, vom Agrarstaat in eine Dienstleistungsgesellschaft. Derzeit sind gut 60% der Arbeitstätigen Landwirte, Fischer, Bauarbeiter. Sollten die urbaneren, intellektuellen Berufe zunehmen, ist mehr Mobilität zu erwarten, und damit eine Gesellschaft, in der die soziale Kontrolle milder ausfällt als bisher. Wer in einem anonymen Wohnblock lebt, wird nicht von Nachbarn angekreidet. Ein Traum von einem solchen, urbanen Leben schwingt mit, wenn TelQuel offensiv wirbt: "Wir als Single lebt, verzichtet auf einen Partner. Dafür kann man mehr als einen haben!" Was nach seichter Ratgeberliteratur klingt, ist in Marokko eine Waffe, die der alten Ordnung ist Herz sticht.

"Dies geht im Kopf eines Single-Mannes vor ... und dies bei einer Single-Frau!", behauptet die Headline einer Doppelseite, auf der die Geschlechter gegengestellt sind. Der Frauen-Artikel gesteht: "Ich bin schon über die 32 hinaus – und noch immer Single. Ja, noch immer! Ich habe ein erfolgreiches Berufsleben aufgebaut, das bereue ich nicht. Was ich suche, ist ein Mann, der mich respektiert, der aktiv teilnimmt am Haushalt und der Erziehung der Kinder – falls es denn welche gibt." Eine durchschnittliche deutsche Kontaktanzeige könnte, wenn auch anders verpackt, das gleiche Anforderungsprofil en th alten. Auch die Alltagsprobleme der marokkanischen Singles klingen vertraut: "Meine verheiratenen Freundinnen sind unglaublich anstrengend. Ihre ewigen Pärchengeschichten gehen mir so auf den Geist!" Schließlich kommt der Sex aufs Tapet. "Darüber könnte ich nicht offen sprechen. Jungfräulichkeit ist ein Tabu th ema für mich. Aber ich will Ihnen etwas gestehen. Viele meiner Freundinnen haben nicht-ehelichen Sex, auch wenn sie mir es nie direkt gesagt haben."

Ja, den Single-Artikel haben Maria und Sofia gelesen. Sie sprechen aufgewühlt darüber. "Es gibt da eine rote Linie, über die wir auf keinen Fall dürfen. Wir wollen das Vertrauen unserer Eltern nicht missbrauchen! Die Frau hat ihre Ehre!", meint Maria, und umschreibt damit das Unaussprechliche – Sex vor der Ehe. Das ist für beide von ihnen undenkbar. Ich zögere. Ich bemerke, dass ich mir die beiden Rapperinnen vorgestellt habe als deutsche junge Frauen, die sozusagen in ein arabisches Land verpflanzt worden sind. Junge, europäisch-liberale Menschen, die im Klintsch liegen mit der strenge Moral der Altvordern. Eine naive Annahme. Die beiden sind hier groß geworden, entwickeln ihre Haltungen, indem sie sich mit hiesigen Regeln auseinandersetzen. Ich frage Sofia: Warum gelten die Verbote nur bei Frauen? Nicht-ehelicher Sex ist bei arabischen Männern ein Kavaliersdelikt. Ist das nicht einseitig? "Einige Verbote sind durchaus positiv", entgegnet sie. "Wir Frauen dürfen zum Beispiel nicht in der Öffentlichkeit rauchen. Was verlieren wir denn dabei? Rauchen macht nur den Körper kaputt." Sofia druckst herum, lacht, und sagt dann: "Tanzengehen ist eigentlich auch für uns verboten, aber das mache ich trotzdem. In den Diskos sind mehr Mädchen als Typen."

Tanzen, Rauchen, liberaler Sex. Wahrlich keine zuverlässigen Anzeichen für "Freiheit", und als kulturelle Errungenschaften machen sie, so für sich genommen, kaum Sinn. Sie sind willkürliche Symbole einer westlichen Ideologie. Müssen Sofia und Maria exakt diese Symbole verwenden, um sich zu emanzipieren?

Sofia schreibt mir die Internetadresse ihres Weblogs auf, ich könnte doch mal etwas ins Gästebuch eintragen. Eine lange Bildergalerie zeigt Sofia in ihrem Zimmer, auf einem Konzert, mit Freundinnen, in der Schule. Schnappschüsse mit Selbstauslöser, die sich kaum bemühen, unterschiedliche Situationen einzufangen, als vielmehr eines zeigen: Sofia-Sofia-Sofia. Kommentiert sind die meisten Bilder lakonisch, im französischen Abkürzungsslang, mit der Formulierung "C Moi". Sofia spürt ihrer Wirkung nach, ihrer Sofia-Loren-Schönheit, der wangenflaumzarte Jugend – sie ist 17. Ist der feministische Rap für sie vielleicht nur eine Pose, um aufzufallen, ein punkiger Quereinstieg für einen Karrieretraum?

Wir trennen uns. Die beiden Rapperinen winken ein Taxi heran und setzen sich beide auf die Rückbank. Frauen, die im Taxi auf dem Beifahrersitz Platz nehmen, gelten in Marokko als leichte Mädchen. Das Taxi ist ein typisches Schwellenland-Auto, schepperig mit abplatzendem Lack, die eine Hintertür schließt nicht richtig. Was wäre, wenn sich eine der beiden dreist nach vorne setzen würde? Der Fahrer würde einen ätzenden Spruch fallenlassen. Würde das Sinn machen? Für diesen einen Augenblick scheint alles festgefahren und unbeweglich. Am Rückspiegel baumelt eine Plastikplakette, auf der eine Hand zu sehen ist, aus der ein weit aufgerissenes Auge blickt. Ein religiöses Symbol, das Böses abhalten soll. Darunter steht "Sag nichts gegen unser Vaterland!"

Redal, der Manager von Tigresse Flow, ist ein Mitschüler von Sofia, sie machen zusammen Abitur. Ich treffe ihn in seinem Elternhaus, wo er mir einen selbstgeschriebenen Text zeigen will, ein "Pamphlet", wie er es nennt. Es trägt den knappen arabischen Titelﺍﻠﺮﺪ  "al-radd, die Antwort". Er liest laut vor: Wie könnt ihr glauben, dass ihr allein den Islam vertretet. Auch wir Hip-hopper sind Muslime, nicht nur ihr. Auch wir sind Marokkaner, nicht nur ihr. Wir werden unseren Stil durchsetzen, daran könnt ihr uns nicht hindern. Redal trägt die unvermeidlichen, in den Knien hängenden Jeans, aber er wirkt andächtig, wie ein Messdiener. Die Sätze rattert er herunter, tonlos brabbelnd, wie ein verinnerlichtes Stoßgebet. Der Text ist mit Kugelschreiber in einem Ringbuch notiert, über dem Textanfang steht, in einem penibel ausgeführen Schriftzug, "bismillah al-rahman al-rahim", im Namen Allahs. Eine Formel, die normalerweise für religiöse oder hochoffizielle Reden reserviert ist. Mit ihr will Redal ausdrücken, dass "sie" den Islam nicht für sich gepachtet haben – die Islamisten. Verfasst hat er seine Streitschrift, nachdem er eine Art marokkanisches "Sabine Christiansen" im staatlichen Fernsehen gesehen hatte, eine Politiker-Diskussionsrunde. "Das Studio war einseitig besetzt mit Islamisten, die alles verrührt haben: Wer Hip-hop hört, trinkt Alkohol, arbeitet nicht, hurt herum, ist ein Ketzer. Sie greifen wahllos Passagen aus dem Koran, mit denen sie ihre Pseudo th esen belegen. Keiner hat widersprochen. Dabei gibt es viele Hip-hop-Lieder, die von Vaterlandsliebe handeln, von muslimischen Themen, oder sogar Texte, die gegen Amerika sind. Aber dafür interessieren sie sich gar nicht."

Die Politiker, über die Redal sich aufregt, vertreten die PJD, die "Partei der Gerechtigkeit und Entwicklung", die eine gemäßigte-islamistische Linie vertritt. In diesem Jahr stehen Wahlen an. Es gilt als sicher, dass die PJD erstmals in die Regierung einzieht. Sogar bis zu drei Ministerposten könnten sie besetzen, wird spekuliert. Redal spricht aus, was viele befürchten: dass die PJD wahrscheinlich ein Wolf im Schafspelz ist. Dass eine Hetze losgehen werde gegen "nicht-islamische Sitten."

Die Partei kommt gut bei den Wählern an, denn sie verkörpert Protest: Sie sind die einzigen, die dem König Muhammad VI. offen die Stirn bieten. Der ist ein modernernistischer Erneuer, und das passt nicht jedem. Die Veränderungen, wie die neuen Frauenrechte, kommen von oben herabgesegelt – per königliches Dekret. Muhammad VI. ist in Personalunion Staatsoberhaupt und oberster Glaubensführer. Kritik am König zu äußern ist sogar gesetzlich verboten. PJD zu wählen, die ein rigoroses Islam-Verständnis durchscheinen lassen, ist ein Umweg, über den König zu schimpfen, über die westliche Überfremdung, für die er steht.

Redal sagt es so nicht, aber Tigresse Flow scheinen für ihn eine willkommene Gelegenheit.

Hip-hop gesungen von Mädchen, die auch noch über Frauenrechte rappen. Er hilft Maria und Sofia, Texte und Fotos ins Internet zu stellen, lässt seine Kontakte in der Hip-hop-Szene spielen. Sie sollen so groß wie möglich herauskommen. Redal scheint das, was er an den Islamisten moniert, einfach herumzudrehen: Eine maximale Präsenz von Hip-hop, auf improvisierten Bühnen, aber am besten auch im staatlichen Fernsehen, wäre schon ein Teilsieg gegen "die Anderen." Der König zumindest toleriert die Rapkultur, er hat zugelassen, dass sich ein großes Underground-Musikfestival etabliert hat, der Boulevard des jeunes musiciens, auf dem jeden Sommer Reggae-, Fusion- und Rapbands gratis auftreten und so die Begeisterung für westliche Kultur weiter anheizen.

In Redals Zimmer steht ein schneller PC, ein Set aus zwei Plattenspielern, ein Mischpult. Wie Maria und Sofia scheinen seinen Eltern gut situiert. Er lädt mich zum Abendessen mit seiner Familie ein. Sein Vater kommt stöhnend, gestützt auf Krücken, ins Wohnzimmer. Ein frühpensionierter Gymnasiallehrer, mit der Aura eines Patriarchen. "Er spricht nur Arabisch", sagt Redal leise auf Französisch zu mir, als wäre es sich dessen doch nicht so sicher. "Ich würde Sie gern fragen, was Sie von Hip-hop halten", sage ich zum Vater. Prüfend schaut er mich an. "Redal sagt, Sie seien Journalist? Zeigen Sie mal Ihren Journalistenausweis!", fragt er grimmig. Der Ausweis ist in Ordnung, er beantwortet meine Frage: "Ich mag Hip-hop nicht. Ich komme aus einer anderen Zeit. Ich meine ich bin kein Jugendlicher mehr, um mich heute dafür zu interessieren. Ich bin 60. Für mich ist das ein junges, internationales, musikalisches Phänomen. Kann sein, dass es seine Zeit überdauern wird, vielleicht auch nicht. Ich verfolge das, wie jedes andere Phänomen auch. Als ich jung war, also im Alter meines Sohnes, da gab es die Beatles, diese Engländer, Johnny Halliday, Elvis Presley. Dann war es vorbei mit diesem Phänomen und heute sind wir beim Hip-Hop angelangt. Was mich daran stört, ist eigentlich nur ihre Art, sich zu kleiden. Die gefällt mir nicht. Diese weit geschnittenen Sachen!" Altersmilde Skepsis, gelassene Toleranz. Offensichtlich gibt es keinen Hassreflex auf Hip-hop, keinen sturen Grabenkrieg zwischen Eltern und Kindern. Aber wie ist es mit selbstbewussten Mädchenrapperinnen: Sind sie vielleicht der eine Dreh zu viel? Bevor ich weiter fragen kann, stellt Redals Vater seine Hand flach auf und sagt: Das waren genug Fragen, jetzt essen wir.

Selbstbewusste orientalische Frauen: Eine unerwartete Lektion erhalte ich am nächsten Tag, im Zug von Casablanca nach Marrakesch, wo ich Fnair interviewen will, eine der arrivierteren Hip-hop-Bands. Ich sitze allein in einem geschlossenen Abteil, dann steigen zwei Frauen dazu. Ob ich sie ansprechen darf? Oder bringe ich sie in eine unangenehme Situation? Marokkanische Frauen studieren, sind arbeitstätig. Keine rohen Eier! Aber ich bin doch verunsichert. Die beiden nehmen mein Angebot an, ihre Koffer auf die Ablage zu wuchten – die Gentleman-Nummer. Die ältere der beiden, eine Frau um die 40, legt ihren Kopf schräg und schaut dezent, was ich tue: ich notiere etwas in meinem Notizbuch. Ich ergreife die Gelegenheit: "Ich komme aus Deutschland und mache eine Reportage über marokkanischen Hip-hop..." "Deutschland?", hakt sie ein.  "Dazu fällt mir Heideggers Sein und Zeit ein, haben Sie das gelesen?" Nein, habe ich nicht", gestehe ich, überrumpelt. Auf der Stirn der Frau ringeln sich Haarschleifen. Selbstvergessen streicht sie die Haare unter ihr moosgrünes Kopftuch. "Und Nietzsche? Und Adorno, kennen Sie wenigstens dessen Werke?" Sie feuert Frage um Frage ab, ihre kajalumrandeten Augen verdrehen sich, dass nur das Weiße zu sehen ist – ist sie genervt, oder aufgeregt, ist es ein Tick? "Ich habe gehört, Deutschland sei das ausländerfeindlichste Land der EU. Stimmt das?" Ich improvisiere eine Antwort, bemerke selbst, dass ich unzusammenhängend und widersprüchlich rede (wie auf diese ungewöhnliche These antworten, mit all der deutschen Befangenheit?)

Selbstbewusstsein? Hinter den Non-stop-Fragen, den pausenlosen Einwürfen scheint etwas anderes zu stecken. Der Schaffner kommt und entwertet unsere Zugtickets. Ich nutze die Gelegenheit, um nun selbst Fragen zu stellen. Ja, sie sei studiert, arbeite als Lektorin einer philosophischen Buchreihe. Stimmt, eine marokkanische Mädchenband, das sei schon für sich etwas ungewöhnliches. Könnte das nicht einen Wandel ankündigen? Im Gefolge der Gesetzesänderungen? Die Frau seufzt und verdreht die Augen. "Wandel, Gesetzesänderungen", wiederholt sie in einem mütterlich-gütigen Ton, der Wut kaschiert. "Beinah dreiviertel der marokkanischen Frauen sind Analphabeten. Ich weiß nicht, wie da ein Gesetz zu Wandel führen kann." Sie rollt ihr Augenweiß hervor, und dann bricht sie ein Tabu. Sie sagt, was sie über den König denkt. Vielleicht ist es die Anwesenheit eines Ausländers, der wieder abreist, der ihre freie Meinung nicht in Frage stellt? "Das Gesetz ist allein für den Glamour da, um sich beim Westen beliebt zu machen. Reine PR für den König. Gibt es deswegen weniger Gewalt an Frauen? Nein! Was wir brauchen, ist eine gute Schulbildung für Mädchen. Und das dauert. Wenn es sich jemals ändert." Der Zug rollt übers Land. Überalterte Wagen zuckeln die staubige Straße entlang, die neben den Gleisen verläuft. Die Felder sehen abgegrast und verdörrt aus. Der Zug rauscht an einem Bauern vorüber, der mit einem Eselgespann vor der geschlossenen Bahnschranke wartet. In einer langen Klage erzählt mir die Lektorin, dass die Frauen in der Provinz nicht aufgeklärt wurden. Sie hätten noch nicht einmal mitbekommen, dass es eine neue Familiengesetzgebung überhaupt gibt. Als sie 2004 eingeführt wurde, schaltete die Regierung TV-Spotts, die die Neuerungen erklärten – technisch gehaltene Clips, auf Details fixiert, ohne die große Idee dahinter herauszustellen, auf Hocharabisch, das nur die gebildete Elite spricht.

Die Youngsters, die schon seit einer Stunde vor der Spor th alle auf den Einlass zum Hip-hop-Konzert warten, sind mittlerweile an die 600 Personen. Die Karatekämpfer, frisch geduscht, kommen mit großen Sporttaschen aus der Halle. Ein dickbauchiger Mann mit einem Walross-Schnurrbart, der Direktor der Sportanlage, hält sie auf: "Moment mal! Ihr könnt hier nicht raus. Wenn wir die Tore öffnen, kommen die Massen von draußen hereingeströmt, und das sollen sie nicht!" Redal, der das Konzert organisiert hat, blafft den Direktor an, "wie jetzt, die dürfen nicht rein?" Der Direktor hält eine der Eintrittskarten in die Luft und sagt: Die sind gescannt, die sind nicht echt. Es waren 300 Gäste angekündigt. Die doppelte Menge kann ich nicht verantworten. Das Konzert ist abgesagt, basta!" Die Menge dröhnt wie ein Hornissenschwarm, einige pfeifen auf den Händen, andere brüllen etwas. Es ist unterdrückte Wut zu spüren, aber sie entlädt sich nicht. Sicherheitsbeamte in schlammfarbenen Uniformen schieben die Masse vom Eingangstor weg, langsam, routiniert. Die Jugendlichen spuren, merkwürdig lautlos, wie Komparsen in einer Choreographie. "Typisch Marokko!", ruft Maria erregt. "Alles beschissen organisiert!" Maria und Sofia sind blass vor Aufregung, aber dann fangen sie sich schnell, lachen bald schon wieder, versuchen mit Witzen den Reinfall zu verarbeiten, und fahren, jeder für sich, nach Hause zu ihren Eltern.

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