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Autor & Journalist: Thilo Guschas


Islam ist Punk

Basim Usmani, der Sänger der amerikanischen Band Kominas, bezeichnet sich gern als atheistischer Muslim. Er mag Religion nur, wenn sie laut ist. Ein Porträt. Die Zeit vom 29. April 2012. Von Thilo Guschas.

 

Foto: Thomas Rodhal Dedekam

Ob ich meinen Koran dabeihabe?«, fragt Basim. Ja, seinen Koran: den mit den Tabak- und Marihuanakrümeln zwischen den Seiten, auf denen mit Edding unliebsame Verse dick übertüncht sind. Seinen Koran, der vom vielen Lesen ganz verknautscht und zerschlissen ist. Wenn man Basim Usmani nach seinem Exemplar der Heiligen Schrift fragt, dann reagiert der Musikpartisan, die Rampensau, der Spötter und Niemals-Verlegene ganz unerwartet. Er zögert und schweigt.

Basim ist ein pakistanisch-amerikanischer Schlaks Ende zwanzig und der Leadsänger der Kominas. Seine Band gehört zu Taqwacore, einer Bewegung von Islam-Punks in Amerika. Das neue Musikgenre entspricht einem neuen Lebensgefühl, das religiöse und musikalische Stereotype auf provokante Weise kurzschließt. Da wird ein korantreuer Islam, der im Ruf steht, rückständig und verkniffen zu sein, demonstrativ vereint mit Underground, Coolness, Zynismus. Punk ist der Versuch einer jungen Generation von Muslimen, auszubrechen aus einer verfahrenen Islam-Debatte. »Ich will keine Assimilation, ich will den ganzen Mist hier in die Luft jagen«, heißt es in einem der einschlägigen Songs. Ist das ernst gemeint?

Nein, es ist eine Provokation gegen den politisch korrekten Euro-Islam ebenso wie gegen den superfrommen Salafismus. Stattdessen inszeniert sich die zweitgrößte Weltreligion hier als wildes, schnaubendes, musikalisch begabtes Biest. Seit die Taqwacore-Szene vor acht Jahren entstand, gründeten sich Bands in Chicago, New York, Washington, Texas... Es ist ein religiöses Großraumexperiment. Aber ist es die Zukunft des Islams?

Zum Interview in Manhattan kreuzt Basim Usmani, das Aushängeschild der Bewegung, drei Stunden zu spät auf, bricht erst mal ein Kuchenstück von einem fremden Teller ab, zündet sich einen Joint an und kichert. Er spielt das berufsmäßige Enfant terrible, den typischen Punk. Aber was ist »islamischer Punk«? Und braucht man dazu den Koran? »Hör mal«, sagt Basim ernst, »ich bin keine Mohammed-Karikatur und will auch keine werden!«

Ernsthaftigkeit und Provokationslust liegen in den Songtexten der Band stets nah beieinander. Ihren allerersten Song nannten die Kominas »Rumi war schwul (und Wahhaj ist eine Schwuchtel)«. Indem sie Rumi, den großen persischen Sufi-Dichter, als homosexuell outeten, griffen sie die Homophobie der muslimischen Community im Allgemeinen und den islamischen Prediger Siraj Wahhaj aus Brooklyn im Besonderen an, der für seine schwulenfeindlichen Äußerungen berüchtigt ist. Ähnlich lustvoll verhöhnen sie auch das nicht muslimische Amerika: Sharia Law in the U.S.A. lautet ein Songtitel und auch ein Slogan rechter Blogger, die davor warnen, dass die Muslime, obwohl sie nur ein Prozent der US-Bevölkerung stellen, die Demokratie aushebeln. Der Song beginnt mit einer Reverenz an die Sex Pistols: »I am an islamist, I am the antichrist.« Es ist ein intertextuelles Spiel, bei dem Wut und Ironie sich mischen. Islam-Hasser werden ebenso abgewatscht wie muslimische Orthodoxe.

Aber woran glauben die Islam-Punks selber? »Do you know The Book? – Kennst du das Buch?«, fragt Basim zurück. »Das Buch« ist eine Chiffre für das spirituelle Urdokument der Szene, den Roman Taqwacore, der eine amerikanische WG von islamischen Punks beschreibt. Die realen Bands, die sich heute zu Taqwacore bekennen, haben sich nach dem Vorbild dieser Romanfiguren gegründet: Jehangir mit dem Irokesenschnitt etwa, der vom Hausdach herab per E-Gitarre zum Gebet ruft. Ayyub, ein Womanizer, der sich als vorbildlicher Muslim sieht. Muzzamil, ein Schwuler, der seinen Lippenstift und seine Netzstrumpfhosen korankompatibel interpretiert. Und schließlich Rabeya, ein »Riot Grrrl«, das den feministischen Hardcore repräsentiert, indem es ungeniert über Sex spricht und trotzdem Burka trägt.

Was im Roman oft wie Effekthascherei wirkt, hat jedoch einen tieferen Sinn. Denn hier werden die Fragen verhandelt, was liberaler Islam heute ist und wie seine Verschmelzung mit dem modernen Westen funktionieren könnte. Der Autor von Taqwacore, Michael Muhammad Knight, ist als Jugendlicher, im Sog der missionierenden Songs von Public Enemy, zum Islam übergetreten. Er verbrachte einige Zeit in Pakistan, um Koran und Sunna, die heiligen Texte des Islams, zu studieren. Später versuchte er seinen Glauben und das amerikanische Lebensgefühl übereinzubringen.

Auch Basim ist ein Wanderer zwischen den Welten. Wenn er sein Verhältnis zum Westen beschreiben soll, dann schwärmt er spontan von den Dichtern der angelsächsischen Romantik: »Keats und Byron habe ich immer geliebt. Wenn ich sie heute lese, bringen sie mich schlagartig zurück nach Lahore, Pakistan.« Keats in Pakistan? »Als Teenager bin ich dort auf eine sehr kolonial geprägte Schule gegangen, wo ich lernte, die englische Poesie zu verehren.« Dabei erwarb er sich auch einen Sinn für Ironie. Im Blog seines Labels Poco Party hat Basim einmal ein Manifest gepostet mit dem Titel How white power broke my heart. Es erzählt, wie er, der Pakistaner mit der dunklen Haut, sich in Konzerte der Rechtsradikalen schmuggelte, weil ihr Nazikult sein Herz erobert habe. Das war Satire. Und zugleich existenziell: Hier prüfte einer sein Milieu, seine subkulturelle Zugehörigkeit und auch seinen Glauben.

Im Roman Taqwacore geht die Prüfung so: Rabeya, das Riot Grrrl, unterzieht den Koran einer feministischen Exegese und lässt Frauenfeindliches einfach nicht gelten. Im Prinzip macht die Romanfigur es wie liberale Musliminnen in der Realität, zum Beispiel im Zentrum für islamische Frauenforschung in Köln. Dort kritisieren sie die angeblich islamisch legitimierte Unterdrückung der Frau als eine Fehlinterpretation des Korans und haben eine eigene, »geschlechtergerechte« Neuübersetzung vorgelegt. Ganz ähnlich arbeitet in Deutschland der Liberal-islamische Bund, der mit theologischen Argumenten für Liberalität plädiert.

Genau diese Strategie wird von den Islam-Punks bis ins Extrem gesteigert. Der Koran, so heißt es in Taqwacore, legitimiere zweifelsfrei das Kiffen. Demonstrativ ziehen die Figuren an ihren Joints, während sie Suren rezitieren. Ist das noch Islam? Oder schon Gotteslästerei? Es ist ein Gedankenspiel über die radikale Neudeutung von Religion. Es ist ein Versuch, das Verbindliche der Heiligen Schriften zu überwinden. Konservative US-Medien waren denn auch entsetzt und entzückt zugleich, sie schrieben über die Taqwacore-Bands, die seien voller Hass auf ihre islamische Herkunft. Basim Usmani kann über dieses interreligiöse Missverständnis und über den westlichen Taqwacore-Hype nur lachen. Seine schwarzen Augen blitzen, als er erzählt: »Die Medien wollen, dass wir Islam-Punks als Stimme der wütenden Muslime agieren, die ihre eigene Kultur ablehnen. Denn der Westen braucht immer einen Salman Rushdie. Jetzt versuchen sie es eben mit mir.«

Ganz unschuldig waren die Kominas an der Reaktion der Medien freilich nicht. Ihr Debütalbum hieß Wild Nights at Guantanamo Bay, und Usmani bezeichnet sich als »atheistischer Muslim«. Er versteht seine Religionszugehörigkeit nur noch als kulturelles Zeichen, das man nicht zu verkniffen lesen soll. Während der Islam-Hetze der Bush-Ära, als Basims Band entstand, wollte er klarstellen, dass »Muslime« auch ungläubig sein können. Sein Musikerkollege Kourosh Poursalehi aus Texas, Gesicht der Ein-Mann-Band Vote Hezbollah, sieht es ähnlich: Seine Eltern seien zwar Muslime aus dem Iran, hätten ihn aber nie weiter mit Religion belangt. Sie seien »relaxte Sufis«. Am Islam-Punk habe ihn einfach der Punk fasziniert und der kulturelle Bezug zum Land seiner Herkunft.

Vielleicht könnte man das als »postmuslimische Identität« beschreiben: islamisch sozialisiert, aber selbst nicht gläubig. Es ist eine Haltung, die sich auch bei einem Großteil der christlich geprägten Jugend im Westen findet. Nur dass die Leute beim Thema Islam vielleicht weniger Spaß verstehen. Ein peinlicher Tiefschlag sei es gewesen, sagt Basim, als eine Zeitung ein Foto von ihm brachte, das eigentlich beim Telefonieren entstanden war. Doch die Zeitung ließ das Telefon weg und zeigte den Sänger mit demütig nach vorn geneigtem Kopf. »Basim beim Gebet«, lautete – nicht ironisch gemeint – die Bildunterschrift. Usmanis Wunsch, einen areligiösen, satirischen, leichtfüßigen Umgang mit Religion zu demonstrieren, funktioniert eben nicht immer.

2007 verließ Basim Amerika für eine Weile, um in das Land seiner Kindheit, nach Pakistan, zurückzukehren und dort eine Taqwacore-Szene aufzubauen. Doch die Hinterhof-Musikszene, die er von früher kannte, war nicht mehr vorhanden. Rock und Punk fanden nun in noblen Hotels statt, für eine westlich gesinnte Elite. Für die aber interessierte Basim sich nicht. Deshalb organisierte er einen Gig auf einem Hoteldach und verteilte Freikarten an Arbeiter und Rikscha-Fahrer. Die Hotelleitung brach die Party ab. Und während eines Sufi-Konzerts, bei dem Basim als Gastmusiker auftrat, detonierte eine Bombe der Taliban. Die Livemusikszene des Landes war paralysiert und Basims asiatischer Neuanfang geplatzt.

Doch noch gibt er nicht auf. Seit Basim Usmani zurück in New York ist, vertont er Sufi-Texte und singt statt auf Englisch nun auch auf Punjabi. So können die Journalisten keine politischen Bekenntnisse in seine Songtexte hineinlesen. Neuerdings träumt er davon, in Europa Fuß zu fassen. Die Kominas haben bereits in London, Paris, Norwegen gespielt und wollen auch in Berlin auftreten, dieser glitzernd weltoffenen Stadt, die sie, so ihre Hoffnung, nicht gleich wieder als »Muslime neuen Typs« missversteht.

Sein jüngstes Album hat Basim Heiligabend 2011 veröffentlicht. Islam-Punk zu Weihnachten, das gab der Sache eine interreligiöse Note und einen komischen Beigeschmack. Statt lauter punkiger Provokation nun zarter Humor. Nur ein einziger Song folgt noch der Taqwacore-Linie und spielt im gewohnt satirischen Ton auf das Thema Ehrenmorde an: »No one’s gonna honor-kill my baby (except me).« Ansonsten scheint der Islam-Punk eine versöhnliche Wende zu nehmen. Vielleicht ist das ja der neue Stil. Vielleicht ist das die Zukunft der Religion.

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