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Autor & Journalist: Thilo Guschas

Zarter Friede

Rheinischer Merkur, 22. Juni 2006. Von Thilo Guschas.

 

Foto: Merlin Nadj-Torma

Zuhören: Pfarrerin Friederike Weltzien im Gespräch mit Scheich Hassan Scharifi.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Merlin Nadj-Torma

Hinter den Familienkrisen steckt oft ein traurig-einfaches Strickmuster.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Merlin Nadj-Torma

Ein Verbündeter von Außen - ein Glücksfall.

Libanon: Eine Pfarrerin hat mit einem Scheich eine interreligiöse Eingreiftruppe gebildet.

Es ist trügerisch still in Hassan Sharifis Büro. Lauwarmer Wind drückt gegen die Vorhänge, leise weht Geschrei von Straßenverkäufern herein. Dann klingelt Sharifis Handy. "Darf meine Frau im Ramadan Augentropfen nehmen?", will der Anrufer wissen. Es ist der fünfte Anruf in einer halben Stunde. Hassan Sharifi, ein pummeliger Mann mit Vollbart und Turban, ist ein Scheich, ein islamischer Religionsgelehrter. "Augentropfen enthalten Vitamine, die sind während der Fastenzeit nicht erlaubt", antwortet er geduldig. Kaum hat er aufgelegt, klingelt das Handy erneut. Am Telefon ist Friederike Weltzien, die deutsche evangelische Pfarrerin von Beirut und die einzige im Nahen Osten. Sie teilt sich die Stelle mit ihrem Mann. Beide gehören zu den rund 120 Pfarrern, die die Evangelische Kirche in Deutschland in die Welt schickt. "Ist etwas passiert?", fragt Sharifi sie besorgt. Sie verabreden für den Nachmittag ein Treffen in seinem Büro.

Der Scheich und die Pfarrerin sind so etwas wie eine "interreligiöse Eingreiftruppe" im Libanon. Gemeinsam vermitteln sie in Familien, in denen eine Deutsche mit einem Libanesen verheiratet ist. Dabei sind sie mit Tragödien konfrontiert: Gewalt an der Ehefrau, Kindesentführung oder drohender "Ehrenmord" an der Tochter. Verbrechen, die meist auf die Religion geschoben werden. "Es steht so im Koran!", verteidigen sich die Täter. "Eben nicht!", hält Sharifi dagegen und zitiert Koranstellen, die das Gegenteil belegen. "Es ist vielleicht Tradition – Religion ist es nicht!"

Kurze Zeit nach dem Telefonat bricht die Pfarrerin mit dem VW-Bus der evangelischen Gemeinde auf, um zum Büro des Scheichs zu fahren. Am Autoschlüssel, mit dem Weltzien den VW-Bus startet, baumelt eine goldene Hand, aus der ein großes Auge blickt. "Das Amulett soll vor Neidern schützen", erklärt sie. Dass das Amulett ein islamisches Symbol ist, stört sie nicht. "Wer sich nicht einlässt, kann nichts bewirken", lautet ihr pragmatisches Motto. Weltzien, eine Mitvierzigerin mit schulterlangen Haar, weiß, wovon sie spricht. Seit gut drei Jahren arbeitet sie mit dem Scheich zusammen.

Eigentlich ist ein religiöses Miteinander nichts besonders im Libanon. 18 Religionsgemeinschaften tummeln sich in dem 4,8-Millionen-Einwohner-Staat, darunter Schiiten und Sunniten, aber auch christliche Kirchen, wie die Maroniten. Die Religionen leben durchaus friedlich zusammen – zumindest an der Oberfläche.

Als Weltzien aus der Hofeinfahrt der Gemeinde fährt, kommt ihr Layal (Name geändert) entgegen, eine junge Libanesin Anfang zwanzig. Weltzien winkt ihr im Vorüberfahren zu. Vergangenes Jahr hatte Layal einen Familiestreit, in dem Weltzien und Sharifi vermittelten. Layal trägt enge, schwarze Kleidung, die langen Haaren offen. Um den Hals hat sie eine Kette mit einem kleinen silbernen Schwert. Ein Zeichen, dass sie eine Schiitin ist.

Layal kommt zu Besuch in die evangelische Gemeinde. "Hier kann ich auftanken", erklärt Layal. Sie kommt, um die deutsche Sprache zu hören – ihre Muttersprache. Als Layal siebzehn war, wurde sie mit ihrer Familie in den Libanon abgeschoben. Für Layal ein fremdes Land. Aufgewachsen war sie seit ihrem siebten Lebensjahr in Deutschland. Im Libanon verhielt sie sich zunächst unbefangen, wie sie es gewohnt war. Dabei verletzte sie die "Familienehre".

Die "Ehre" ist im Libanon ein kostbares Gut. Sie gilt zum Beispiel als verletzt, wenn eine Tochter Sex vor der Ehe hat. Der Familie, aus der die Tochter stammt, droht ein "schlechter Ruf". Um eine soziale Isolation abzuwenden, muss die Familie die Tochter verstoßen. In extremen Fällen begeht sie einen "Ehrenmord" an der Tochter.

Damals, vor einem Jahr, kommt in der Familie der Verdacht auf, Layal hätte die "Ehre" zerstört. Layal erkennt die Gefahr und versteckt sich. Sie bittet Weltzien um Hilfe, die Sharifi hinzuruft. Eine Vermittlungsaktion beginnt.

Scheich Hassan spricht mit dem Vater. Der Vater ist ratlos. Die eigene Tochter umbringen, um die "Familienehre" wiederherzustellen? Eine unmögliche Situation. Der Vater reagiert nicht aggressiv oder wütend, sondern ist schlichtweg verzweifelt. "Ich verstehe deine Gefühle", sagt Sharifi zum Vater. "Aber wenn du dich verhalten willst, wie es der Koran vorsieht, musst du das nicht machen!". Mit diesen Worten fängt Sharifi die Verzweiflung des Vaters auf.

Die Pfarrerin und der Scheich beginnen, mit der Familie zu verhandeln. Mit wem darf sich Layal treffen – ohne Begleitung des älteren Bruders? Was für Kleidung darf sie tragen? Wann muss sie abends nachhause kommen?

Die Verhandlungen dauern eine Woche. Neben den Familienkonferenzen finden Einzelgespräche statt, mit dem Vater, dem Bruder, der Mutter. Schließlich hat die Vermittlung Erfolg. Seit einem Jahr lebt Layal wieder zuhause. Es herrscht ein zarter Frieden.

Oft steckt hinter den Familienkrisen, in denen Sharifi und Weltzien vermitteln, ein traurig-einfaches Strickmuster. Meist sind Ehemann und Bruder arbeitslos. Sie fühlen sich unter Druck, ihre traditionelle Führungsrolle in der Familie auszufüllen. Hierfür müssen vermeintlich "religiöse" Bräuche herhalten, stets zu Lasten der Frauen. Die Arbeitslosigkeit liegt im Libanon bei geschätzten 20%.

Auf ihrem Weg zu Sharifis Büro hat Weltzien den Stadtrand von Beirut erreicht. Autos hetzen über fünfspurige Schnellstraßen. Von einem verwunschenen Orient keine Spur. Am Straßenrand ist großflächige Plakatwerbung aufgestellt. Ein Fotomodell räkelt sich in Dessous, Zahlen in Neonfarben verkünden neue Handytarife. Das Konsumangebot einer modernen Großstadt. Der Libanon gilt als eines der westlichsten arabischen Länder.

"An der Oberfläche wirkt die Gesellschaft hier sehr europäisch und liberal. Aber im Untergrund ist sie so orientalisch!", ruft Weltzien gegen die hupenden Autos. "Orientalisch" sei vor allem der Umgang mit den eigenen Töchtern: "Ich habe die liberalsten Männer erlebt, die in Deutschland oder den USA ausgebildet sind. Und sie erlauben nicht, dass ein Mann mit ihrer Tochter spricht, bevor ihn die Familie nicht genau begutachtet hat!"

Weltzien ist aufgebracht. Trotzdem hält sie sich zurück. "Mit Besserwisserei bewegt man doch nichts", lautet ihre Erfahrung. Außerdem: Sind unsere westlichen Werte denn wirklich so überlegen? Weltzien will zuhören, nur eingreifen, wenn sie darum gebeten wird. Vor drei Jahren hörte sie von einem Scheich mit liberalen Ansichten. Sie rief ihn kurzerhand an: Wollen wir nicht zusammen arbeiten? Ein Verbündeter von Außen – ein Glücksfall.

Weltzien kennt den Libanon seit ihrer Kindheit. Damals arbeitete ihr Vater als deutscher Gastprofessor einige Jahre in Beirut, die Familie begleitete ihn. Die frühen Eindrücke einer fremden, bereichernden Welt waren prägend. Vor vier Jahren ist sie zurückgekehrt und leitet seither mit ihrem Mann Uwe die Gemeinde.

Während sich Weltzien durch den Verkehr kämpft, sitzt Sharifi konzentriert in seinem Büro. Er schreibt an einem Vortrag: „Muslime und Christen leben unter einer gemeinsamen Sonne“. Das Teamwork mit der Pfarrerin ist auch für Sharifi nicht ungefährlich. Zwischen 1975 und 1990 herrschte im Libanon ein Bürgerkrieg, bei dem sich die Religionsgemeinschaften offen bekämpft haben – auch Christen und Muslime. Der Bürgerkrieg ist lange her, wurde aber öffentlich nie aufgearbeitet. Der Vielvölkerstaat ist seit jeher politisch sehr wechselhaft. Grenzgänger wie Sharifi sind vielen ein Dorn im Auge.

Es klopft an Sharifis Bürotür. "Die deutsche Pfarrerin ist da", meldet die Sekretärin. Sharifi und Weltzien begrüßen sich kurz. Weltzien hat Telefonnummern, die vielleicht neue Anhaltspunkte in einer Kindesentführung ergeben. Bevor Sharifi den Telefonhörer abhebt, hält er kurz inne. Einen Augenblick lang herrscht in seinem Büro trügerische Stille.

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